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Was der Spiegel sieht

Was der Spiegel sieht

Mittwoch, Januar 28, 2026

Weshalb Sylvia Plaths "Mirror" mich als Autorin und Schreibpädagogin und -therapeutin fasziniert

Kennst Du das? Du stehst vor dem Spiegel und siehst ... was eigentlich? Dein Gesicht? Deine Müdigkeit? Die ersten grauen Haare? Oder suchst Du nach dem Gesicht aus Deiner Vergangenheit? Vom Älterwerden und dem Annehmen des Älterwerdens handelt das Gedicht Mirror von Sylvia Path. Deshalb interessiert mich dieser Text als Autorin, als Schreibpädagogin, aber auch als Frau, die selbst vor dem Spiegel steht.

Bevor ich tiefer einsteige, lies am besten erst einmal selbst:

Mirror von Sylvia Plath

I am silver and exact. I have no preconceptions.

Whatever I see I swallow immediately

Just as it is, unmisted by love or dislike.

I am not cruel, only truthful‚

The eye of a little god, four-cornered.

Most of the time I meditate on the opposite wall.

It is pink, with speckles. I have looked at it so long

I think it is part of my heart. But it flickers.

Faces and darkness separate us over and over.

Now I am a lake. A woman bends over me,

Searching my reaches for what she really is.

Then she turns to those liars, the candles or the moon.

I see her back, and reflect it faithfully.

She rewards me with tears and an agitation of hands.

I am important to her. She comes and goes.

Each morning it is her face that replaces the darkness.

In me she has drowned a young girl, and in me an old woman

Rises toward her day after day, like a terrible fish.

Der Spiegel, der spricht

Das Besondere an Plaths Gedicht ist, dass nicht die Frau, sondern der Spiegel selbst erzählt. Er ist die Stimme, die wir hören. Und er ist gnadenlos ehrlich, zumindest behauptet er das von sich. „Ich bin exakt", sagt er. „Wahrheitsgetreu" Er grenzt sich ab von Kerzenlicht und Mondlicht, von allem, was schmeichelt oder beschönigt. Er will nichts anderes sein als das, was er ist, eine glatte Oberfläche, die zurückwirft, was vor ihr steht. Aber ist das wirklich die ganze Wahrheit?

Die Frau, die schweigt

Literarisch interessiert mich die Frau im Gedicht, die stumm bleibt. Sie kommt jeden Morgen und sucht ihr Spiegelbild, doch wir hören ihre Stimme nicht. Ihre Gedanken bleiben verborgen. Ihre Gefühle werden nur durch ihre Tränen und ihre verzweifelten Gesten sichtbar. Durch diese narrative Entscheidung, die Frau zum schweigenden Objekt zu machen, während der Spiegel spricht, wird eine Distanz geschaffen. Es ist, als würde die Frau sich selbst nicht mehr gehören. Als wäre ihre Identität etwas, das von aussen bestimmt wird. Durch das, was sichtbar ist.

Vom Spiegel zum See

In der zweiten Strophe verwandelt sich der Spiegel in einen See. Plötzlich wird aus der Oberfläche eine Tiefe. Der Blick wird zu einem Abstieg ins eigene Innere. Und was taucht dort auf? Nicht das erhoffte Bild der Jugend, sondern das Gesicht des Alterns. "In mir", sagt der Spiegel, "ist ein junges Mädchen ertrunken, und Tag für Tag steigt eine alte Frau aus mir auf". Dieses Bild steht für Angst, vielleicht sogar für Ekel und Entfremdung. Die Frau erkennt sich selbst nicht mehr.

Warum ich selbst den Spiegel in Geschichten verwende

In meiner eigenen schriftstellerischen Praxis greife ich immer wieder auf das Motiv des Spiegels zurück. Weshalb? Weil es eine der elegantesten Möglichkeiten ist, Figuren zu zeigen, ohne sie plump zu beschreiben. Wenn eine Figur in den Spiegel blickt, offenbart sich nicht nur ihr Aussehen, sondern auch, wie sie sich selbst sieht. Was sie an sich mag oder hasst. Wo sie nach Zeichen der Zeit sucht. Was sie verdrängt. Der Spiegel wird so zum stillen Gesprächspartner, zum Ort der Selbstbefragung. Manchmal ist er jedoch auch ein Ort der Lüge, wenn die Figur sich selbst etwas vormacht und nur das sehen möchte, was sie sehen will.

In der Schreibtherapie

Auch in der Schreibtherapie ist das Spiegelmotiv sehr kraftvoll. Ich lade die Teilnehmenden ein, sich selbst im Spiegel zu betrachten und anschliessend darüber zu schreiben.

- Was siehst Du?

- Was möchtest Du sehen?

- Was fürchtest Du zu sehen?

- Wenn Dein Spiegelbild sprechen könnte, was würde es Dir sagen?

Diese Übung kann schmerzhaft sein, aber auch befreiend. Denn oft zeigt sich, dass wir viel härter zu uns selbst sind, als es der Spiegel je sein könnte.

Die Wahrheit des Spiegels

Plaths Mirror erinnert uns daran, dass der Spiegel keine objektive Wahrheit zeigt. Er zeigt eine Oberfläche. Einen Moment. Ein zweidimensionales, seitenverkehrtes Bild. Und doch glauben wir ihm. Wir vertrauen ihm mehr als unserem eigenen Körpergefühl und den liebevollen Worten anderer. Plaths Spiegel mag sich als neutral beschreiben, doch seine vermeintliche Objektivität macht ihn zum Werkzeug einer Gesellschaft, die Frauen auf ihr Äusseres reduziert.

Zum Schluss

Sylvia Plaths Mirror ist für mich ein kraftvolles Gedicht über Identität, Alter und Weiblichkeit. Es verdeutlicht, warum das Spiegelmotiv in der Literatur so wirksam ist, weil es nicht nur das Äussere reflektiert, sondern das Verdrängte sichtbar macht und zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich zwingt. Und es erinnert uns daran, dass wir mehr sind als das, was der Spiegel zeigt.

Hast Du ein literarisches Werk, in dem das Spiegelmotiv eine besondere Rolle spielt? Ich freue mich über Deine Gedanken in den Kommentaren!

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